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Leben und Werk der MathematikerinEmmy Noether1882 - 1935 |
Herkunft und Schulzeit
1882
Amalie Emmy Noether wurde als das erste Kind jüdischer Eltern am 23. März 1882
in Erlangen geboren. Der Vater, Prof. Dr. Max Noether, ist Professor für
Mathematik an der Universität; die Mutter ist Ida Noether, geb. Kaufmann.
Emmy Noether hat drei jüngere Brüder.
1889-1897
Sie besucht die Städtische Höhere Töchter-Schule in Erlangen.
1900
Nach privater Vorbereitung legt sie die Staatsprüfung für Lehrerinnen der
französischen und englischen Sprache ab.
Abitur und Studium
1900-1903
Emmy Noether besucht (als eine von zwei Gasthörerinnen) Vorlesungen für Mathematik,
Romanistik und Geschichte in Erlangen.
Außerdem bereitet sie sich auf das Abitur vor.
1903
Am 14. Juli 1903 legt sie als Privatstudierende das Abitur am Königlichen
Realgymnasium in Nürnberg ab. Im Herbst 1903 ist es so weit:
An bayerischen Universitäten dürfen sich Frauen, die das Abitur haben,
immatrikulieren.
1903/04
Im Wintersemester 1903/04 studiert Emmy Noether als Gasthörerin in Göttingen.
Ihre akademischen Lehrer sind:
Felix Klein, David Hilbert,
Herbert Minkowski, Otto Blumenthal,
Karl Schwarzschild u.a.
Sie wird krank und kehrt nach Erlangen zurück.
1904/05
Dort immatrikuliert sie sich für Mathematik.
Erste wissenschaftliche Arbeiten
1907
Das Studium schließt sie 1907 mit der Promotion zum Dr. phil. summa cum
laude ab. Das Thema ihrer Dissertation aus der Invariantentheorie lautet:
Über die Bildung des Formensystems der ternären
biquadratischen Form
Diese Arbeit trägt freilich noch nicht ihre typische Handschrift, sie benutzt
die Methoden ihres Doktorvaters
Paul Gordan; später nennt sie ihre Dissertation "Rechnerei",
"Formelgestrüpp" sogar "Mist".
1907-1915
Sie arbeitet privat wissenschaftlich, unterstützt ihren kranken Vater und die
beiden Nachfolger Gordans Erhard Schmidt und Ernst Fischer
bei deren Lehrtätigkeit, allerdings ohne Anstellung oder Vertrag.
In dieser Zeit regt sie zwei Dissertationen an.
In den Diskussionen mit E. Fischer erhält sie den entscheidenden Anstoß
zu ihrer Beschäftigung mit abstrakter Algebra.
1908/09
Wahl zum Mitglied des Circolo Matematico di Palermo, Aufnahme in die Deutsche
Mathematiker-Vereinigung (DMV). Auf der Jahresversammlung der DMV 1909 in
Salzburg hält sie als erste Frau einen Vortrag. Sie fährt gern zu Tagungen.
Dort präsentiert sie ihre Resultate zur Körpertheorie, zur Umkehrung des
Galois-Problems und zur Aufstellung einer algebraischen Gleichung zu einer
vorgegebenen Gruppe.
1915
Von Felix Klein und David Hilbert erhält die Spezialistin für Invarianten-
Theorie eine Einladung, am Mathematischen Institut in Göttingen zu arbeiten.
Die Zusammenarbeit gestaltet sich so positiv, daß Emmy Noether bleibt.
Sie hält Vorträge über algebraische Themen, abstrakte Mengentheorie und
Differential- und Integralgleichungen.
Habilitation
Noch im Jahr 1915 gilt an preußischen Universitäten eine Habilitationsordnung,
die ausdrücklich nur Männer zur Habilitation zuläßt.
1915
Auf Anregung von Klein und Hilbert stellt Emmy Noether am 20. Juli 1915 einen
Antrag auf Habilitation. Bis zu diesem Zeitpunkt war in ganz Deutschland noch
keine Frau habilitiert worden.
Nach heftigen Kontroversen in der Fakultät verbietet das Ministerium die
Einleitung des Verfahrens.
Dennoch hält Emmy Noether im Herbst 1915 ihre erste Vorlesung.
Die Ankündigung im Vorlesungsverzeichnis lautet:
Invariantentheorie: Prof. Hilbert mit Unterstützung von Frl. Dr. Nöther,
Montag 4-6 gratis
Exkurs. Es folgt Quellen- und Archivmaterial zum Habilitationsverfahren von Emmy Noether. Alle Texte werden zitiert nach Tollmien (vgl. Literatur).
Aus dem Antrag der math.-naturwissenschaftlichen Abteilung der philosophischen Fakultät Göttingen vom 26.11.1915 an den zuständigen Minister:
Eure Exzellenz
bittet die mathematisch-naturwissenschaftliche Abteilung der philosophischen
Fakultät der Göttinger Universität ehrerbietigst, ihr im Falle des
Habilitationsgesuches von Fräulein Dr. Emmy Noether (für Mathematik) Dispens
von dem Erlaß des 29. Mai 1908 gewähren zu wollen, nach welchem die
Habilitation von Frauen unzulässig ist. [....]
Unser Antrag zielt auch nicht dahin, um Aufhebung des Erlasses vorstellig zu
werden; sondern wir bitten nur um Dispens für den vorliegenden einzigartig
liegenden Fall.
(vgl. Tollmien, S.163)
Anlaß für den erwähnten Erlaß, in dem bestimmt ist, daß Frauen an preußischen Universitäten nicht habilitiert werden sollen, war die Anfrage der Universität Bonn, bei der die Biologin Maria Gräfin von Linden die Habilitation beantragt hatte.
Am 5. 11.1917 schreibt das Ministerium:
Die Zulassung von Frauen zur Habilitation als Privatdozent begegnet in
akademischen Kreisen nach wie vor erheblichen Bedenken. Da die Frage nur
grundsätzlich entschieden werden kann, vermag ich auch die Zulassung von
Ausnahmen nicht zu genehmigen, selbst wenn im Einzelfall dadurch gewisse Härten
unvermeidbar sind. Sollte die grundsätzliche Stellungnahme der Fakultäten,
mit der der Erlaß vom 29. Mai 1908 rechnet, eine andere werden, bin ich gern
bereit, die Frage erneut zu prüfen.
(vgl. Tollmien, S.181)
In der 1907 geführten Diskussion zu der Frage der Habilitation von Frauen, die dem Erlaß vorausging, hatte der Göttinger Historiker Karl Brandi die Habilitation von Frauen abgelehnt. In seiner Stellungnahme schrieb er:
Außerdem bin allerdings auch ich der Meinung, [...] daß die bisherige
wissenschaftliche Produktion der Frauen es keineswegs rechtfertige, schon jetzt
eine so tief in das Wesen der Universitäten eingreifende Änderung vorzunehmen,
- sondern auch wiederholt zum Ausdruck zu bringen, daß sehr viele von uns
prinzipiell den Eintritt der Frauen in den Organismus der Universitäten als
eine Beeinträchtigung des menschlichen und moralischen Einflusses des männlichen
Universitätslehrers auf ihre bis dahin leidlich homogene Zuhörerschaft
betrachten. Ich wenigstens muß gestehen, daß ich schon in dem gemischten
Auditorium eine Beschränkung der für unsere Tätigkeit so absolut notwendigen
vollkommenen Unbefangenheit empfinde, daß ich vollends in Seminarstunden nicht
verzichten möchte, auf den freundschaftlichen Ton rückhaltloser Aussprache und
rückhaltlosen Vertrauens. Unser Unterricht soll ein persönlicher sein und
deshalb liegt in der Einheit des Geschlechts nach meiner Überzeugung eine
Bedingung seiner vollen Wirkung.
(vgl. Tollmien, S.168)
In derselben Diskussion zur Habilitation von Frauen begründete der Philosoph Edmund Husserl seine Ablehnung folgendermaßen:
Die Habilitation ist normaler Weise als Institution zu fassen, mit dem Zwecke,
entsprechend begabten jungen Leuten die akademische Laufbahn zu eröffnen und
dadurch den wissenschaftlichen Nachwuchs zu sichern. Daß nun ein junger Mann
der sich einmal für die Wissenschaft entschieden und eine tüchtige
Erstlingsschrift erzielt hat, sich in der Regel weiter entwickelt, zu einer
immer Neues und Besseres leistenden wissenschaftlichen Persönlichkeit - das
ist eine allgemeine Erfahrung. Für das weibliche Geschlecht haben wir die
Erfahrung nicht. Junge Damen bringen es wohl zu ansprechenden Dissertationen;
daß sich aber die soweit Gekommenen - normaler Weise - stetig weiter entwickeln,
zu regelmäßig fortarbeitenden und berufsmäßig leistenden Forscherinnen, dafür
fehlen allgemeine Erfahrungen. Eine gleich tüchtige wissenschaftliche Arbeit
(als ''Habilitationsschrift'') gedacht, begründet demnach bei einem jungen Mann
und einer jungen Dame nicht dieselben Hoffnungen: in einem Falle die positive
Zuversicht auf die Emporentwicklung zu einer berufstüchtigen Forscher- und
Lehrerpersönlichkeit, im anderen Falle nicht. Bei dem jetzigen Stande unserer
erfahrungsmäßigen Kenntnis der weiblichen Charakteranlagen in der fraglichen
Hinsicht können also junge Damen als aussichtsvoller Nachwuchs für den
akademischen Lehrkörper noch nicht gelten, die Habilitation kann ihnen unter
gleichen Bedingungen wie jungen Männern nicht zugebilligt werden. Mag sein,
daß
umfassende künftige Erfahrungen uns auch bei Damen die noch vermißte positive
Zuversicht verschaffen.
Ganz anders ist die Sachlage für den exceptionellen Fall, in dem nicht eine
Anfängerin sondern eine wissenschaftlich bedeutende, vollgereifte Forscherin
für Habilitation und selbst Professur in frage käme. Doch dann würden andere
Bedenken in Wirksamkeit treten, derart wie sie Coll. Brandi geltend gemacht hat.
(vgl. Tollmien, S.168f)
Zurück zum Habilitationsverfahren Noether:
F. Klein schreibt Anfang 1916 an D. Hilbert:
Hier habe ich eine wesentliche Einschaltung zu machen. Sie wissen, daß mich Frl.
Noether bei meinen Arbeiten fortgesetzt berät und daß ich eigentlich nur durch
sie in die vorliegende Materie eingedrungen bin. Als ich nun Frl. Noether letzthin
von meinem Ergebnis betr. Ihren Energievektor sprach, konnte sie mir mitteilen,
daß sie dasselbe aus den Entwicklungen Ihrer Note [...] schon vor Jahresfrist
abgeleitet und damals in einem Manuskript festgelegt habe (in welches ich dann
Einsicht nahm).
(vgl. Tollmien, S.192)
Hilbert schreibt in seinem Gutachten zur Habilitation:
Die eingereichte Habilitationsschrift kennzeichnet sich somit als die gelungene
Ausführung eines Teiles des großen Programms, das ich seinerzeit hinsichtlich
der Endlichkeitsfragen aufgestellt habe. [...]
Eine besondere Freude hatte ich, als es Frl. Noether gelang, eine kürzlich von
mir aufgestellte Vermuthung betreffend die Endlichkeit eines Systems von
unendlich vielen Grundformen als richtig streng zu beweisen. Diese Leistung
zeigt, eklatant, daß Frl. Noether im Stand ist, sich den Zugang zur Lösung
eines von anderwärts her vorliegenden besonders schwierigen Problems zu
erzwingen.
Ihre vielseitige Gewandheit, formentheoretische Methoden auf scheinbar ganz
abliegende Fragen anzuwenden, zeigt die Kandidatin in einer gerade fertig
gedruckten Arbeit über die allgemeinsten Bereiche aus ganzen transzendenten
Zahlen, so wie in weiteren gegenwärtig noch nicht abgeschlossenen
Untersuchungen.
(vgl. Tollmien, S.177)
E. Landau schreibt am 1.8.1915 in seinem Gutachten zur Habilitation von Emmy Noether:
Wie einfach läge demnach für uns die Sache, wenn es sich um einen Mann mit
genau den Arbeiten, der Vortragsgeschicklichkeit und dem ernsten Streben handeln
würde. Es wäre mir viel lieber, wenn sich diese Erweiterung unseres
Lehrprogramms ohne die damit verbundene Habilitation einer Dame ermöglichen
liesse.[...]
Ich habe bisher, was produktive Leistungen betrifft die schlechtesten Erfahrungen
in Bezug auf die studierenden Damen gemacht und halte das weibliche Gehirn für
ungeeignet zur mathematischen Produktion; Frl. N[oether] halte ich aber für eine
der seltenen Ausnahmen.
(vgl. Tollmien, S.176)
A. Einstein schreibt am 24.5.1918 in einem Brief an Hilbert:
Gestern erhielt ich von Frl. Noether eine sehr interessante Arbeit über
Invariantenbildung. Es imponiert mir, dass man diese Dinge von so allgemeinem
Standpunkt übersehen kann. Es hätte den Göttinger Feldgrauen nichts geschadet,
wenn sie zu Frl. Noether in die Schule geschickt worden wären. Sie scheint ihr
Handwerk zu verstehen.
(vgl. Tollmien, S.193)
Am 27.12.1918 schreibt Einstein an Klein:
Beim Empfang der neuen Arbeit von Frl. Noether empfand ich es wieder als grosse
Ungerechtigkeit, dass man ihr die venia legendi vorenthält. Ich wäre sehr
dafür, dass wir beim Ministerium einen energischen Schritt unternähmen.
Halten Sie dies aber nicht für möglich, so werde ich mir allein Mühe
geben.
(vgl. Tollmien, S.181)
Die Göttinger Mathematiker schreiben 1919 an das Ministerium:
Fräulein Noether hat in der Zeit ihres Hierseins die von uns auf ihre
Wirksamkeit gesetzten Hoffnungen nicht nur erfüllt, sondern übertroffen. Sie
steht durch eine Reihe rasch erschienener Arbeiten, die wir in der Beilage
überreichen, jetzt zweifellos mit in erster Reihe der wissenschaftlich
produzierenden Mathematiker und hat durch Unterricht und persönliche Bezugnahme
auf den ganzen Kreis der in Göttingen vorhandenen Fachvertreter einen überaus
wertvollen fördernden Einfluss gewonnen.
(vgl. Tollmien, S.184)
1919
Nach Ende des 1. Weltkriegs haben veränderte politische Verhältnisse zur
Erweiterung der Rechte der Frauen (z.B. zum Wahlrecht) geführt.
Das Ministerium erlaubt die Durchführung des Habilitationsverfahrens von
Emmy Noether. Als Habilitationsschrift reicht sie die Arbeit
Invariante Variationsprobleme
ein. In dieser Arbeit befinden sich die nach ihr benannten Sätze, in denen
ein Zusammenhang hergestellt wird zwischen Symmetrien und Erhaltungssätzen
(Invarianten). Diese Arbeit hat sie bei den Physikern bekannt gemacht.
Am 4. Juni 1919 hält sie den Vortrag
Fragen der Modultheorie
im Rahmen des Habilitationsverfahrens.
Ihr wird die Lehrbefugnis (venia legendi) erteilt.
Privatdozentin
Zum Herbstsemester 1919 wird zum ersten Mal eine Vorlesung unter ihrem Namen
angekündigt:
Analytische Geometrie, Dr. Emmy Noether,
Mittwoch und Sonnabend, 11-1 Uhr, privatim
1920
Zusammen mit Werner Schmeidler verfaßt sie die Arbeit
Moduln in nichtkommutativen Bereichen, insbesondere aus Differential- und
Differenzenausdrücken
zur Entwicklung und Erprobung ihrer modultheoretischen Begriffe.
1921
Ihre Arbeit Idealtheorie in Ringbereichen
erregt internationales Aufsehen.
Tod des Vaters, die Mutter war schon 1915 gestorben.
Professorin
1922
Emmy Noether wird der Titel außerordentlicher Professor
verliehen.
Ein Titel ohne Mittel.
Aus dem Antrag zu ihrer Ernennung zur a.o. Professorin von 1922:
Ihr wissenschaftliches Ansehen ist unbestritten, und es liegt an nichts weniger
als an wissenschaftlichen Rücksichten, wenn sie bisher in ihrer äusseren
akademischen Laufbahn nicht vorwärts gekommen ist. Für unseren wissenschaftlichen
Betrieb ist sie eine kaum entbehrliche Mitarbeiterin. Weniger geeignet zum
Unterrichte eines grösseren Hörerkreises in elementaren Disziplinen übt sie
auf die begabten Studenten eine starke wissenschaftliche Anziehungskraft aus und
hat viele von ihnen wesentlich gefördert, darunter auch solche, die inzwischen
Ordinariate erreicht haben.
(vgl. Tollmien, S.185)
1923
Sie erhält einen Lehrauftrag und daraus erstmals eine Vergütung, um schwere
wirtschaftliche Schädigungen des Frl. Noether zu verhüten .
Bis zum Alter von 41 Jahren bezog Emmy Noether keinerlei Einkünfte für ihre
wissenschaftliche Tätigkeit.
Zunächst war sie von Eltern und Verwandten unterstützt worden.
Obwohl sie sehr bescheiden lebte, geriet sie nach dem Tod des Vaters (1921) in
eine bedrückende wirtschaftliche Notlage.
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v.l.: |
E. Witt, P. Bernays, Helene Weyl, Hermann Weyl, Joachim Weyl, E. Artin, E. Noether, Ernst Knauf, ?, Chiungtze Tsen, Erna Bannow (spät. Frau Witt) |
1924
Bartel L. van der Waerden wechselt nach Beendigung seines Studiums nach
Göttingen und schließt sich ihr an.
1925
Emmy Noether vollendet die Arbeit
Abstrakter Aufbau der Idealtheorie in algebraischen Zahl- und
Funktionenkörpern
Wissenschaftliche Erfolge
1928/29
Gastprofessur in Moskau.
1929
Veröffentlichung der Arbeit Hyperkomplexe Größen und
Darstellungstheorie
Ihre Forschungstätigkeit bewirkt, daß die Algebra die Analysis aus dem Zentrum des internationalen Forschungsinteresses verdrängt. Emmy Noether zieht die begabtesten jungen Leute in ihren Bann. Ihr Ruf als einer der bedeutendsten Neugestalter der Mathematik in internationalem Maßstab ist unbestritten.
Viele ihrer Ideen werden von ihren Schülern und jüngeren Kollegen aufgegriffen und weiterentwickelt. Zu nennen sind z.B.
Auf Emmy Noether geht die Idee zurück, in der algebraischen Topologie Homologiegruppen einzuführen.
1930
Emmy Noether vertritt C.L. Siegel in Frankfurt.
1932
Emmy Noether erhält mit Emil Artin den Ackermann-Teubner-Gedächtnis-
Preis.
Als erste Frau hält sie auf dem Internationalen Mathematiker-Kongreß in Zürich einen Hauptvortrag: Hyperkomplexe Systeme in ihren Beziehungen zur kommutativen Algebra und zur Zahlentheorie
Sie schreibt Arbeiten zur Eliminationstheorie, zur klassischen Idealtheorie im Sinne Dedekinds, zur Darstellungstheorie, der Modultheorie und der Klassenkörpertheorie.
1933
Es erscheint ihre Arbeit Nichtkommutative Algebren
Diskriminierung
Emmy Noether genießt internationale Anerkennung.
Aber
1933
Emmy Noether wird am 25. April 1933 aus politischen und rassischen Gründen
beurlaubt. Grundlage dafür ist das Gesetz zur Wiederherstellung des
Berufsbeamtentums. Man hält sie für eine Marxistin. Sie soll Mitglied der
USPD, später der SPD gewesen sein. Sie vertrat pazifistische Ideen.
Fachkollegen und Schüler setzen sich für sie ein.
Am 2. September 1933 wird ihr die Lehrbefugnis entzogen.
Emigration
1933
Sie erhält eine Einladung nach Oxford und das Angebot einer Gastprofessur an
das Frauen-College Bryn Mawr in Pennsylvania, USA.
Sie entscheidet sich für Bryn Mawr. Der Wechsel von anspruchsvoller
Forschungstätigkeit an ein College bedeutet für sie eine gewaltige Umstellung.
1934
Emmy Noether hält neben ihren Lehrveranstaltungen in Bryn Mawr wöchentlich
Vorlesungen am Institute for Advanced Study in Princeton, New Jersey, an dem u.a.
Albert Einstein und Hermann Weyl arbeiten. Princeton wird ein zweites
Göttingen.
Sie fährt nach Deutschland, hält Vorträge und löst in Göttingen ihren Haushalt auf.
Ihre mathematischen Freunde kämpfen um eine Dauerstellung für sie.
1935
Emmy Noether muß operiert werden; es kommt zu Komplikationen, sie stirbt. Keiner
ihrer Freunde und Kollegen hatte von einer Erkrankung gewußt.
Würdigung der Persönlichkeit Emmy Noethers
Sie war ein Mensch voller Herzensgüte, Selbstlosigkeit, Lebensfreude und
ursprünglicher Vitalität.
(Wußing)
Emmy Noether und ihre Trabanten
Die Forderungen an ihre Schüler waren außergewöhnlich hoch;
sie selbst war
uneigennützig auf den Fortschritt ihrer Schüler bedacht.
(Wußing)
Völlig unegoistisch und frei von Eitelkeit, beanspruchte sie niemals etwas für
sich selbst, sondern förderte in erster Linie die Arbeiten ihrer Schüler. Sie
schrieb für uns alle immer die Einleitungen, in denen die Leitgedanken unserer
Arbeiten erklärt wurden, die wir selbst anfangs niemals in solcher Klarheit
bewußtmachen und aussprechen konnten. Sie war uns eine treue Freundin und
gleichzeitig eine strenge, unbestechliche Richterin.
(van der Waerden in seinem Nachruf)
Sie [ihre Schüler oder Diskussionspartner] rühmten ihre Güte und ihre
Gastfreundlichkeit, die sie trotz eines gelegentlichen Ungeschicks zu entwickeln
pflegte. Berühmt, geradezu sprichwörtlich waren gewaltige Schüsseln von Pudding,
bei dessen Verzehr höchste Mathematik in einer Mansardenwohnung getrieben wurde.
Beliebt waren auch ausgedehnte Spaziergänge, Baden und Schwimmen im Göttinger
Stadtbad. Emmy Noether war eine vorzügliche, leidenschaftliche Schwimmerin und
Taucherin.
(Wußing)
In my Göttingen years, 1930-1933, she was without doubt the strongest center of
mathematical activity there, considering both the fertility of her scientific
research program and her influence upon a large circle of pupils.
(Weyl in seinem Nachruf)
Prof. Noether thinks fast and talks faster. As one listens, one must also think
fast - and that is always excellent training. Furthermore, thinking fast is one
of the joys of mathematics.
(Der Student Saunders Mac Lane in einem Brief an seine Mutter vom 8.12.1931)
In general, her lecturing was not good in technical respects. For that she was
too erratic and she cared too little for a nice and well arranged form. And yet
she was an inspired teacher; he who was capable of adjusting himself entirely to
her, could learn very much of her.
(Weyl in seinem Nachruf auf Emmy Noether)
No one could content, that the GRACES had stood by her cradle.
(Weyl in seinem Nachruf)
Sie war eine ganz eigenartige Persönlichkeit, grob gebaut mit einer dicken
Nase, mit uneleganten Bewegungen, sie stapfte so vor der Vorlesung, sie
zerstampfte manchmal ein Stück Kreide, das sie zerbrochen hatte ..., das
Gegenteil einer eleganten Dame.
(van der Waerden in dem Vortrag: Meine Göttinger Lehrjahre)
Göttinger Mathematiker zur Zeit Emmy Noethers
Erster Lehrstuhl für Mathematik:
1895 - 1930 Hilbert, David (1862 - 1943)
1930 - 1933 Weyl, Hermann (1885 - 1955)
1934 - 1945 Hasse, Helmut (1898 - 1979)
Zweiter Lehrstuhl für Mathematik:
1886 - 1913 Klein, Felix (1849 - 1925) (vorzeitig emeritiert)
1913 - 1918 Caratheodory, Constantin (1873 - 1950)(nachher Berlin U.)
1918 - 1919 Hecke, Erich (1887 - 1947) (nachher Hamburg)
1920 - 1934 Courant, Richard (1888 - 1972) (1934 Emigration nach New York)
Dritter Lehrstuhl für Mathematik
1902 - 1909 Minkowski, Hermann (1864 - 1909)
1909 - 1934 Landau, Edmund (1877 - 1938) (1934 entlassen)
Vierter Lehrstuhl für Mathematik
1904 - 1924 Runge, Carl David Tolme (1856 - 1927)
1925 - 1948 Herglotz, Gustav (1881 - 1953)
Außerordentliche Professoren
1907 - 1933 Bernstein, Felix (1878 - 1956) (1933 entlassen, emigriert in die USA)
1919 - 1933 Bernays, Paul (1888 - 1977)(1933entlassen, emigriert nach Zürich)
1927 - 1936 Neugebauer, Otto (1899 - )
(1936 Emigration nach Kopenhagen, später USA)
Lebenslauf aus der Feder von Emmy Noether von 1919
Ich, Amalie Emmy Noether, bin am 23. März 1882 zu Erlangen geboren, als Tochter
des Universitätsprofessors Dr. Max Noether und seiner Ehefrau Jda, geb. Kaufmann.
1903 erwarb ich als Privatstudierende das Absolutorium des Realgymnasiums
Nürnberg, vorher 1900-1902, war ich als Hörerin an der Universität Erlangen
zum Studium der Mathematik zugelassen. Das Wintersemester 1903/04 verbrachte
ich in Göttingen, Herbst 1904 bis Frühjahr 1908 war ich in Erlangen als
Studierende der Mathematik immatrikuliert.
Während meiner Studienzeit waren meine mathematischen Lehrer die Herren Gordan
und Noether in Erlangen, Hilbert, Minkowski und Blumenthal in Göttingen.
Dezember 1907 promovierte ich mit einer Arbeit ,,Über die Bildung des
Formensystems der ternären biquadratischen Form'' in der philosophischen
Fakultät der Universität Erlangen summa cum laude.
Nach der Promotion arbeitete ich wissenschaftlich mathematisch weiter und wurde
von den Leitern des Erlanger mathematischen Seminars, den Herren M. Noether,
E. Schmidt, E. Fischer privatim zur Unterstützung bei den seminaristischen
Vorträgen und Übungen beigezogen. Im Sommersemester 1915 kam ich, aufgefordert
von den hiesigen Mathematikern, nach Göttingen. Mit dem Wintersemester 1916 habe
ich zur Unterstützung von Herrn Hilbert regelmäßig im hiesigen mathematischen
Seminar vorgetragen und zwar über algebraische Fragen, insbesondere
Invariantentheorie, Differentialinvarianten, abstrakte Mengentheorie,
Differential- und Integralgleichungen. An der mathematischen Gesellschaft
beteiligte ich mich durch eine Reihe von Vorträgen.
Lebenslauf von Emmy Noether, undatiert, Eingangsvermerk 4.6.1919, zitiert nach
Tollmien.
Alexandroff, Paul, S.: Engl. Übersetzung der Gedenkrede vor der
Moskauer Math. Gesellschaft vom 5.9.1935
Brewer, J.W., Smith, Martha, K. (eds):
Emmy Noether, A tribute to Her Life and Work, New York - Basel, 1981
Byers, Nina:
The Life and Times of Emmy Noether, Contributions of Emmy Noether
to Particle Physics,
Dick, Auguste: Emmy Noether, Beihefte zur Zeitschrift
"Elemente der Mathematik" Nr. 13, 1970
Dick, Auguste: Emmy Noether 1882-1935 ,
(engl.) Boston - Basel - Stuttgart, 1981
Einstein, Albert: Nachruf auf Emmy Noether,
Frauenstudium an der Friedrich-Alexander-Universität
Erlangen-Nürnberg,
Mathematische Institute in Deutschland 1800 - 1945, Herausgegeben von
der DMV,
Noether, Emmy : Gesammelte Abhandlungen,
N. Jacobson (ed), Berlin - Heidelberg - New York, 1983
Pinl, Max: Kollegen in einer dunklen Zeit II,
Reid, Constanze: Richard Courant 1888 - 1972,
Der Mathematiker als Zeitgenosse,
Berlin u.a. 1979,
Reid, Constanze: Hilbert, Berlin - Heidelberg -New York 1970
Schappacher, Norbert: Fachverband - Institut - Staat
Tobies, Renate (Hg): "Aller Männerkultur zum Trotz",
Frauen in Mathematik und Naturwissenschaften,
Tollmien, Cordula: "Sind wir doch der Meinung, daß
ein weiblicher Kopf nur ganz
ausnahmsweise in der Mathematik schöpferisch tätig sein kann..."
van der Waerden, Bartel, L.: Nachruf auf Emmy Noether
van der Waerden, Bartel, L.:
Meine Göttinger Lehrjahre, Gastvortrag in der
Algebravorlesung,
Weyl, Hermann: Nachruf auf Emmy Noether
in: Scripta Mathematica, 3, 1935, 201 - 222
Wußing, Hans: Emmy Noether (1882 bis 1935)
Weitere Literatur und Angaben zu dem Quellen- und Archivmaterial im oben
genannten Aufsatz von R. Tollmien.
Die Fotos von Emmy Noether und das Gruppenfoto sind den folgenden Büchern
entnommen, die im Literaturverzeichnis ausführlich zitiert sind. Die
Numerierung der Fotos entspricht der Reihenfolge ihres Erscheinens im
obigen Text.
1.
Auguste Dick : Emmy Noether 1882 - 1935 (engl), Foto auf einer Seite ohne
Nummer nach S. 58.
Die Ausstellung zum Leben und Werk von Emmy Noether präsentiert 4
Sonderdrucke (u.a. die Dissertation), 35 Fotos, 34
Textafeln und 9 Tafeln mit Archivmaterialien.
Sie wurde 1997 von
Ursula Brechtken-Manderscheid,
Mathematisches Institut der Universität Würzburg
konzipiert.
Ein herzlicher Dank an alle, die das Projekt durch Rat und Tat gefördert
haben.
Literatur
in: Emmy Noether, Gesammelte Abhandlungen 1983, S.1 - 11
erscheint in Proceedings of the Int'l Conf. on The History
of Original Ideas and Basic Discoveries in Particle Physics,
Erice, Italy, 29 July - 4 Aug., 1994
in: New York Times vom 4.5.1935
(Letters to the Editor vom 1.5.1935), abgedruckt auch in
Kimberling, C.: Emmy Noether in: The American Math. Monthly,
79 , 1972, 136 - 149
Katalog zum Erlanger Sonderteil der Ausstellung "Stieftöchter der Alma
Mater ?
90 Jahre Frauenstudium in Bayern am Beispiel der Universität München"
herausgegeben von der Frauenbeauftragten der Friedrich-Alexander-
Universität,
Erlangen 1995
unter Mitarbeit zahlreicher Fachgelehrter bearbeitet von Winfried
Scharlau,
Braunschweig - Wiesbaden 1989
in: Jahresber. der Deutschen Mathematiker Vereinigung,
72 1970/71, S.180 -182
in: Ein Jahrhundert Mathematik 1890 - 1990, Festschrift zum Jubiläum der DMV,
Fischer, Gerd u.a. (Hg), Braunschweig - Wiesbaden 1990
Frankfurt - New York, 1997
Emmy Noether 1882-1935, zugleich ein Beitrag zur Geschichte der Habilitation
von Frauen an der Universität Göttingen.
in: Göttinger Jahrbuch 38 , 1990, 153 - 219
in: Math. Annalen, 111 , 1935, 469 - 476
gehalten am 26.1.1979 in Heidelberg, abgedruckt in DMV-
Mitteilungen, Heft 2, 1997, S. 20 - 27,
in: Biographien bedeutender
Mathematiker. Hans Wußing und Wolfgang Arnold (Hrg).
Darmstadt 1989, S. 514 - 522
2.
Frauenstudium an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-
Nürnberg,
herausgegeben von der Frauenbeauftragten der Friedrich-Alexander-
Universität,
Foto S. 40 (beschriftet: "Emmy Noether um 1907")
3.
"Aller Männerkultur zum Trotz" , Renate Tobies (Hg), Foto S. 180
4.
Emmy Noether, Gesammelte Abhandlungen, N. Jacobson (ed), Foto als Frontispiz
5.
Emmy Noether, A Tribute to Her Life and
Work, Brewer, J.W., Smith, Martha, K. (eds) , Gruppenfoto mit E. Witt, P. Bernays, Helene Weyl, Hermann Weyl, Joachim Weyl,
E. Artin, E. Noether, Ernst Knauf, einer unbekannten Person, Chiungtze Tsen,
Erna Bannow (spätere Frau Witt)
6.
Ein Jahrhundert Mathematik 1890-1990, Foto S. 31 beschriftet: "Der Anfang
einer Emigration: Emmy Noether auf dem Göttinger Bahnhof"
7.
Tollmien, C. "Sind wir doch der Meinung...."
Emmy Noether 1882-1935 in: Göttinger Jahrbuch, Bd 8 (1990), Foto S.198 (beschriftet:
"Foto wahrscheinlich 1934")
8.
Reid, C.: Richard Courant 1888-1972, Foto S.87.