Professor Ruscheweyh wird emeritiert

Zum 1.10.2012 wird mit Prof. Dr. Stephan Ruscheweyh eine Persönlichkeit emeritiert, die das Institut für Mathematik über viele Jahrzehnte in vielfältiger und herausragender Weise mitgestaltet und geprägt hat: als international hochangesehener Wissenschaftler, als den wissenschaftlichen Nachwuchs inspirierender akademischer Lehrer und Mentor und als in diversen Funktionen in der akademischen Selbstverwaltung engagierter Institutsvorstand.
Geboren am 30.4.1944 in Zwickau, wuchs Prof. Ruscheweyh in Bremen auf und studierte von 1963 bis 1968 in Freiburg, Kiel und Bonn Mathematik. In Bonn wurde er 1969 promoviert und 1972 habilitiert. 1973 nahm er einen Ruf an die Universität Dortmund an. Bereits 1976, im Alter von gerade einmal 32 Jahren, wurde er auf den Lehrstuhl für Komplexe Analysis an der Universität Würzburg berufen, den er somit 36 Jahre innehatte. Er ist damit bei seiner Emeritierung der dienstälteste in Forschung und Lehre aktive Professor in der gesamten Geschichte der Universität Würzburg.

Prof. Ruscheweyh hat sich als einer der weltweit führenden Funktionentheoretiker einen Namen gemacht, u.a. mit dem Beweis der Pólya-Schoenberg-Vermutung (1973, zusammen mit T. Sheil-Small) und mit der Entwicklung der Theorie der Faltungsdualität. Seine Forschungsinteressen decken ein großes Spektrum von Teilgebieten der Funktionentheorie ab, mit Schwerpunkten auf geometrischer Funktionentheorie und komplexer Approximationstheorie. Dies spiegelt sich auch in seiner Publikationsliste wider, die derzeit 159 Arbeiten mit 61 Koautoren aus 19 verschiedenen Ländern umfasst. Er ist Gründer und Chefherausgeber der Zeitschrift „Computational Methods and Function Theory“, Mitherausgeber zahlreicher weiterer mathematischer Fachzeitschriften und Initiator der CMFT-Konferenzen. Als langjähriger Geschäftsführender Vorstand des Mathematischen Instituts (später: Institut für Mathematik), von 1990 bis 2006, hatte er das Institut durch auch finanziell schwierige Zeiten zu steuern und hat dabei sowohl großes administratives Geschick als auch konzeptionelle Weitsicht unter Beweis gestellt. Ferner war er Dekan der Fakultät für Mathematik und Informatik (1983-85) und viele Jahre Vorsitzender des Diplom-Prüfungsausschusses und ERASMUS-Beauftragter.

Einen weiteren Schwerpunkt der vielfältigen Aktivitäten von Prof. Ruscheweyh stellte das Bemühen um die mathematische Bildung und Forschung in den Entwicklungsländern dar, insbesondere um den akademischen (Wieder-)Aufbau Afghanistans. Von 1973 bis zur sowjetischen Invasion Ende 1979 übte er für insgesamt mehr als vier Jahre eine Gastdozentur an der Universität Kabul aus und half beim Aufbau einer internationalen Standards genügenden mathematischen Fakultät. Nach dem Sturz des Taliban-Regimes 2002 fungierte er als DAAD-Koordinator im Rahmen des Stabilitätspaktes Afghanistan und hat seither, ungeachtet der wachsenden Gefahr für die eigene Sicherheit, 15 Reisen nach Afghanistan unternommen, um vor Ort dazu beizutragen, dem von über 20 Jahren Bürgerkrieg lahmgelegten akademischen Leben dort wieder eine Perspektive zu geben. Daneben zeugen weitere 88 Gastdozenturen an den verschiedensten Universitäten weltweit von der breiten internationalen Vernetzung von Prof. Ruscheweyh.

Generationen von Studierenden hat er durch die Art und Weise beeindruckt, in der er die auf den ersten Blick relativ abstrakten Grundprinzipien der Funktionentheorie zu illustrieren und mit Leben zu füllen vermag. Neben zahllosen Diplom- und anderen Abschlussarbeiten hat er 17 Promotionen und 5 Habilitationen betreut. Vielen Kollegen, Mitarbeitern und Schülern ist er nicht nur durch sein hohes Verantwortungsbewusstsein, seine Führungsstärke, seine Gerechtigkeit und seine unbedingte Verlässlichkeit zum Vorbild geworden, sondern auch durch seine Fähigkeit zu ermutigen und zu inspirieren und durch den einfühlsamen Umgang mit den kleinen und großen Sorgen und Problemen der Menschen in seinem Umfeld.

Die Universität Würzburg darf sich glücklich schätzen, dass ihr Prof. Ruscheweyh als Emeritus, stellvertretender Vorstand des Interdisziplinären Forschungszentrums für Mathematik in Naturwissenschaft und Technik (IFM) und Koordinator des Stabilitätspaktes Afghanistan auch weiterhin mit Rat und Tat zur Seite stehen wird.