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    Institut für Mathematik

    Nachruf auf Stephan Ruscheweyh

    29.08.2019

    Professor Stephan Ruscheweyh, der ehemalige Inhaber des Lehrstuhls für Funktionentheorie an der Universität Würzburg, ist am 26. Juli 2019 im Alter von 75 Jahren verstorben.

    Professor Stephan Ruscheweyh (* 1944 - † 2019)

    36 Jahre lang hatte Professor Stephan Ruscheweyh den Lehrstuhl für Funktionentheorie am Institut für Mathematik der JMU inne. Er war damit zum Zeitpunkt seiner Emeritierung der dienstälteste in Forschung und Lehre aktive Professor in der gesamten verzeichneten Geschichte der Universität Würzburg. Am 26. Juli 2019 ist Professor Ruscheweyh im Alter von 75 Jahren verstorben.

    Wissenschaftlicher Werdegang
    Stephan Ruscheweyh wurde am 30.4.1944 in Zwickau geboren. Er studierte von 1963 bis 1968 in Freiburg, Kiel und Bonn Mathematik und promovierte 1969 in Bonn mit einer von Ernst Peschl angeregten Dissertationsschrift. 1972 wurde er in Bonn habilitiert und nahm 1973 einen Ruf auf eine Universitätsprofessur an der Universität Dortmund an. Bereits 1976, im Alter von gerade einmal 32 Jahren, wurde er auf den Lehrstuhl für Funktionentheorie an der Universität Würzburg berufen, den er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2012 innehatte.

    Herausragende Forschungsleistungen
    Professor Ruscheweyh war einer der weltweit führenden Funktionentheoretiker, der mit seinen bahnbrechenden mathematischen Leistungen, wie dem Beweis der Pólya-Schoenberg-Vermutung und der Entwicklung der Theorie der Faltungs-Dualität, die funktionentheoretische Forschung in den vergangenen 50 Jahren maßgeblich mitgeprägt und Würzburg als ein international anerkanntes Zentrum der Forschung in der Geometrischen Funktionentheorie etabliert hat. Seine Forschungen zeichnen sich nicht nur durch ihre besondere inhaltliche Tiefe, sondern auch durch ihre Vielfältigkeit aus und decken ein breites Spektrum von Themen der Komplexen Analysis ab, welches neben der Geometrischen Funktionentheorie auch die Komplexe Approximationstheorie und computergestützte Methoden in der Funktionentheorie umfasst. Stephan Ruscheweyh ist einer der meistzitierten Funktionentheoretiker und hat über 160 Arbeiten mit mehr als 60 Koautoren aus 20 verschiedenen Ländern verfasst, die in hochkarätigen internationalen Fachzeitschriften erschienen sind.

    Die CMFT–Familie
    Professor Ruscheweyh war Gründungsvater und Chefherausgeber des international renommierten Fachjournals "Computational Methods and Function Theory" (CMFT) sowie der gleichnamigen Reihe von internationalen Kongressen, die ca. alle vier Jahre die führenden Funktionentheoretiker weltweit zusammenführen. Mit regelmäßig mehreren hundert Teilnehmern liefern die CMFT-Konferenzen wichtige Impulse für die internationalen Forschungsaktivitäten in der Komplexen Analysis. Sie fanden bisher statt 1989 in Chile, 1994 in Malaysia, 1997 in Zypern, 2001 in Portuga1, 2005 in Finnland, 2009 in der Türkei, 2013 in China sowie 2017 in Polen. Die 2001 von Ruscheweyh initiierte und seither von ihm federführend geleitete Fachzeitschrift CMFT hat sich durch konsequente Fokussierung auf hochkarätige Forschungsarbeiten in kurzer Zeit zum weltweit führenden Fachorgan im Bereich der Funktionentheorie und ihrer Anwendungen entwickelt.

    Internationale Vernetzung
    Ruscheweyhs besonderes Anliegen war es, internationale wissenschaftliche Kooperationen zu etablieren und zu pflegen. Seine besondere Aufmerksamkeit und Liebe galt dem Mittleren Osten, insbesondere Indien, Nepal und vor allem Afghanistan. Von 1973 bis kurz nach der sowjetischen Invasion 1979 war er als Gastdozent an der Universität Kabul tätig und zentral am Aufbau eines den internationalen Standards genügenden mathematischen Instituts beteiligt. Nach dem Sturz des Talibans-Regimes 2002 fungierte er bis weit über seine Emeritierung hinaus mit großem persönlichen Einsatz als DAAD-Koordinator des Stabilitätspakts Afghanistan mit dem Ziel, das akademische Leben dort als wesentliche Stütze einer jeden pluralen Gesellschaft wiederzubeleben. Darüberhinaus hatte er fast 90 Gastdozenturen an den verschiedensten Universitäten in Europa, Amerika, Asien, Afrika und Australien inne, u.a. an der Technischen Universität Federico Santa María (UTFSM) in Valparaíso (Chile) von 1986 bis 1989. Aufgrund seiner international anerkannten Forschungsleistungen und exzellenten Vernetzung vermochte es Ruscheweyh, viele der weltweit führenden Mathematiker in der Komplexen Analysis zu einem Forschungsaufenthalt an die Universität Würzburg zu holen.

    Lehre auf höchstem Niveau
    Seine völlig frei gehaltenen, jedoch sorgfältigst vorbereiteten Vorlesungen waren geprägt von einer unübertrefflichen Eleganz sowie durch Präzision und Klarheit des Stils, dem besten Zeichen für souveräne Meisterschaft über den oft schwierigen Stoff. Auf diese Weise hat er es Generationen von Studierenden ermöglicht, Analysis und Funktionentheorie aus erster Hand und auf höchstem Niveau zu erleben und zu erlernen. Neben zahlreichen Diplom- und anderen Abschlussarbeiten hat er 17 Dissertationen betreut und 5 Habilitationen begleitet.

    Engagement in der akademischen Selbstverwaltung
    Sein ausgeprägtes Pflichtgefühl zeigte sich auch darin, dass er über einen ungewöhnlich langen Zeitraum, von 1990 bis 2006, dem Mathematischen Institut (bzw. später Institut für Mathematik) als Geschäftsführender Vorstand diente. Hierbei zeichnete er sich durch seine Führungsstärke und sein großes administratives und diplomatisches Geschick aus. Ferner engagierte er sich als Dekan der Fakultät für Mathematik und Informatik (1983 bis 1985) und über viele Jahre als Vorsitzender des Diplom-Prüfungsausschusses und Erasmus-Beauftragter.

    Seinen Freunden, Kollegen und Schülern ist Professor Ruscheweyh nicht nur durch seine vielfältigen herausragenden Leistungen und Aktivitäten, sondern auch durch seine beeindruckende Persönlichkeit, die geprägt war von höchstem Verantwortungsgefühl, großer Empathie und unbedingter Verlässlichkeit, zu einem über seinen Tod hinaus fortwirkenden Vorbild geworden. Sie alle werden ihn schmerzlich vermissen.

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